Momente der Bildung

Momente der Bildungvon Diana Grau

Bessere Bildung…! Mehr Bildung…! Die digitale Bildung kommt! Bildung muss für jeden möglich sein! Bildungsstandards sind notwendig!
Egal wo, der Begriff Bildung tritt häufig in unterschiedlichen Kontexten auf und wird gleichzeitig inflationär gebraucht. Oft wird damit in der Öffentlichkeit die schulische Bildung oder Ausbildung verbunden. Aber was ist und kann Bildung eigentlich sein?

 

Momente der Bildung
Bildung geht über den schulischen Rahmen oder die Ausbildung weit hinaus. Eine klare Definition widerspricht dabei dem Bildungsgedanken. Im Rahmen des Studiums der Bildungswissenschaft sind 6 Momente der Bildung benannt, um sich mit Bildung als Grundbegriff näher auseinanderzusetzen. Den Begriff ‚Moment‘ finde ich sehr spannend. Wie bei einem Film: Dieser besteht aus vielen Momenten und doch ist ein Moment nicht der Film oder aus einem Moment erschließt sich der Film nicht.

Moment 1: Bildung ist die Suche nach Erkenntnis
Gerade das Ringen um eine Sache, ihr Verstehen und die Aufmerksamkeit darauf bringen Freude und ggf. auch Schmerzen mit sich. Was aber bedeutet Erkenntnis? Nach Platon ist Bildung der Weg zur Erkenntnis, zur Erkenntnis seiner SELBST.

Moment 2: Bildung ist ein Sichfremdwerden
Bildung befindet sich zwischen Eigenem und Fremden. In diesem Raum sind Erfahrungen möglich. Das Sichfremdwerden ist somit eine Voraussetzung für ein Anders-Denken- und Anders-Machen-Können. Sich von etwas zu trennen, in Frage stellen, dem Nicht-Wissen Vorrang einräumen oder sich auch zu irren, führen zu einer anderen Sichtweise oder einem veränderten Selbstverständnis.

Moment 3: Bildung ist die Sorge um sich
Diese Sorge wird als eine Weise der Selbstgestaltung gesehen. Dies ist verbunden mit dem Ziel, Möglichkeiten zu entdecken, zu verwirklichen, selbst gestaltend tätig zu sein.

Moment 4: Bildung als kulturelles Gedächtnis
Menschen haben zu unterschiedlicher Zeit unterschiedlich gedacht. Dinge die augenblicklich so sind, sind so geworden und könnten somit auch anders sein.

Moment 5: Bildung ist ein Warten können und eine Verzögerung
Der Mensch handelt nicht nach einem Reiz–Reaktions–Schema. Bildung hängt somit mit den Verzögerungen der kürzesten Verbindungen im Denken, Urteilen und Handeln zusammen. Erst im Moment der Verzögerung entstehen Erfahrungsspielräume, die nicht Reaktion auf eine Frage sind, sondern eine Antwort, die die Frage umgreift. Durch diese Verzögerung wird eine andere Ebene der Sicht eröffnet. Warten können strengt an, impliziert vom Wort her aber ein Schauen, die Aufmerksamkeit auf etwas richten.

Moment 6: Bildung ist nicht Ausbildung
Der Mensch wird nicht gebildet, er bildet sich. Dies geschieht in der Auseinandersetzung mit sich, der Welt, anderen Menschen. Mit Bildung können wir die in uns ruhenden Möglichkeiten verwirklichen, kluge Entscheidungen fällen und unser Leben führen. Bildung ist die Grundlage der Ausbildung. Und dabei geht es um den Anspruch des Gestaltens. Ansonsten ordnet sich Bildung unter das ökonomische Gesetz der Nutzbarmachung und verkommt.

Als Trainerin und Dozentin …
sehe ich diese Momente auch unter dem Gesichtspunkt des Lehrens und Lernens. Reflektierend finde ich hier wertvolle Ansatzpunkte und Impulse für die Gestaltung von Bildungsmomenten. Auf Widerstände treffen, Warten, den Menschen Raum für Entwicklung und Gestaltung geben und Erfahrungen ermöglichen, können Momente der wahren Bildung hervorrufen. Dann ist Bildung mehr als Bildungswissen.

Aufgrund der Ökonomisierung des Bildungsgedankens, der Reduzierung auf Nutzenkalkül und die Übertragung in betriebswirtschaftliche Denk- und Handlungsmuster ist die Auseinandersetzung mit dem traditionsreichen und komplexen Bildungsbegriff hoch aktuell.

Quelle: A. Dörpinghaus, K. Uphoff: Erziehung-Bildung-Sozialisation Kurs 33040-5-01-S1, FernUniversität in Hagen

Gern lade ich Euch ein, zu diskutieren, was Bildung für uns Lehrende und Lernende bedeutet und auch von uns fordert. Denn erst viele Momente ergeben ein Ganzes.


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