Mit Positiver Psychologie durch die Corona-Zeit

Positive Psychologie

von Albert Glossner, Marion Kellner-Lewandowsky und Tanja Bakry

Corona konfrontiert uns mit einer Vielfalt von Herausforderungen, Belastungen und Ängsten. Wie kann uns die Positive Psychologie unterstützen, innerlich gelassener mit dieser Situation umzugehen? Drei abb-Trainer*innen berichten von ihren Erfahrungen.




Die Corona-Krise stellt uns alle vor großen Herausforderungen. Wenn ich mit Menschen spreche, dann habe ich bislang gehört: Sorgen um Angehörige, Sorgen um die eigene Gesundheit, Existenzängste, Angst vor Isolation und Einsamkeit, von wirtschaftlichen Sorgen und der Frage, wie organisiere ich mein Leben neu?

Corona belastet uns auf unterschiedlichen Ebenen, aber Corona ist auch eine psychische Belastung. Von einigen Menschen höre ich, dass es ihnen gelingt, recht gelassen oder gefasst damit umzugehen. Bei anderen höre ich von Unruhe, von der Schwierigkeit, sich zu konzentrieren oder auch von konkreten oder unspezifischen Ängsten. Menschen, die das Thema ignorieren, treffe ich immer weniger.

Auf diesem Hintergrund ist im Trainerteam der abb-seminare folgende Idee entstanden: Wir wollen, ausgehend von der eigenen Erfahrung, darüber zu berichten, wie uns jeweils das Wissen und die Erfahrung mit der Positiven Psychologie darin unterstützt, auf der psychischen Ebene konstruktiv mit dieser Krise umzugehen. Tanja, Marion und ich berichten darüber.

Tanja: „Achtsamkeit hilft mir, mich selbst zu beobachten“

Ja, es sind besondere Zeiten, die die meisten von uns gerade sehr „mitnehmen“. Ich persönlich merke, wie gut mir gerade die Achtsamkeitsübungen aus der Positiven Psychologie tun. Ich beginne meinen Morgen mit einer Achtsamkeits-Meditation z.B. einem Bodyscan, bei dem ich mit meiner Aufmerksamkeit langsam von einem Körperteil zum nächsten wandere. Paradoxerweise habe ich endlich mehr Zeit und Ruhe dafür.

Auch während des Tages halte ich immer wieder einen Moment inne, um zu überprüfen, wo ich mich gedanklich und damit auch emotional gerade befinde. Wohin wollen mich die Nachrichten und Meldungen, die ich gerade höre, mitnehmen? Verstärken sie meine Sorgen oder eher meine Hoffnung?

Durch die Achtsamkeit erkenne ich, welche Szenarien ich mir in meinen Gedanken gerade ausmale und auf welchen Weg sie mich führen. Stelle ich mir das „worst case Szenario“ vor, so wird mich das emotional in die Angst und Sorge führen. Ich kann mich aber gedanklich genauso auf die Chancen und positiven Möglichkeiten fokussieren, die diese Situation auch bietet und stärke dadurch mein Gefühl der Hoffnung und meinen Optimismus.

Was hilft mir sonst noch?

  • Ich frage mich, was schiebe ich schon ewig auf und kann es nun endlich mal tun?
  • Ich räume gerade meine komplette Wohnung auf und bringe wieder frische Energie in mein Zuhause.
  • Ich telefoniere täglich mit unterschiedlichen Freunden und Familienmitgliedern und spreche möglichst über positive Dinge.
  • Ich bereite Projekte vor, die ich schon ewig machen wollte, mir aber die Zeit dazu fehlte.
  • Ich fange an, einige Bücher zu lesen, die sich bei mir gestapelt haben.
  • Ich bewege mich in der frischen Luft und esse nur das, was mir gerade gut tut und stell fest: Weniger ist mehr!

Auf diese Weise bin ich dabei, meine Selbstwirksamkeit zurückzuerobern.

Marion: „Mich unterstützt mein Selbstmitgefühls-Mantra“

Für mich zeigt sich derzeit ganz besonders, dass die Positive Psychologie nicht nur etwas für sonnige Zeiten ist. Jetzt, wo Unsicherheiten und stetige wachsende Beschränkungen des öffentlichen Lebens meine Welt durcheinanderwirbeln, gibt mir eine Übung der Positiven Psychologie Halt und Stärke.

Aufbauend auf meinen täglichen Achtsamkeitsübungen hilft mir mein Selbstmitgefühls-Mantra, in einer guten Kraft zu bleiben. Mit den folgenden, für mich an die Situation angepassten Sätzen, gebe ich mir selbst Mitgefühl:

Ja, das ist eine schwierige, herausfordernde Zeit!

Solche Zeiten hat es immer schon gegeben. Solche Zeiten gehören zum Leben dazu. Das Leben ist Licht und Schatten, hat Höhen und Tiefen. Das geht anderen Menschen auch so. Ich bin nicht allein in dieser Situation.

Ich erlaube mir jetzt, mit mir und meinen Mitmenschen freundlich und mitfühlend umzugehen. Ich erlaube mir, gut für mich und die Menschen in meinem Umfeld zu sorgen.

Wie helfen diese Sätze:

„Ja, das ist eine schwierige, herausfordernde Zeit!“ – Hier geht es ums Annehmen und Akzeptieren, was ist. Ja, es ist so und da hilft weder Ignorieren noch Dramatisieren.

„Solche Zeiten hat es immer schon gegeben. Solche Zeiten gehören zum Leben dazu. Das Leben ist Licht und Schatten, hat Höhen und Tiefen. Das geht anderen Menschen auch so. Ich bin nicht allein in dieser Situation.“ – In diesen Sätzen geht es um Verbundenheit. Verbunden bleiben mit dem Leben, ohne sich in eine Idealvorstellung zu flüchten und sich durch falsche Erwartungen zu blockieren. Aber auch verbunden zu bleiben mit anderen Menschen. Gerade jetzt, wo physische Nähe vermieden werden sollte, ist es wichtig für mich, das Gefühl der Verbundenheit nicht zu verlieren. 

„Ich erlaube mir jetzt, mit mir und meinen Mitmenschen freundlich und mitfühlend umzugehen. Ich erlaube mir, gut für mich und die Menschen in meinem Umfeld zu sorgen.“ – Echte Freundlichkeit mit mir selbst auf eine erwachsene Art und Weise heißt Verantwortung zu übernehmen für mich und für andere, denn ich bin ein verbundenes Wesen. Das merke ich jetzt mehr denn je. Freundlich mit mir und anderen heißt aktuell, regelmäßig Hände waschen, wenn es geht zu Hause zu bleiben, physische Kontakte zu anderen Menschen zu reduzieren und vor allem: Kontakt halten trotz fehlender physischer Nähe. Kontakt zu Menschen, die mir nahe stehen, zu Menschen, die mir gut tun und Kontakt zu Menschen, die meine Unterstützung benötigen. Das gibt mir Kraft.

Albert „Achtsamkeit, Bewegung, Natur“

Für mich war ein wichtiger Gewinn der Positiven Psychologie, dass mir klar geworden ist, wie ich innere Kraft aufbauen kann. Das heißt, was ich dafür tun kann, um in einen positiven und gelassenen emotionalen Zustand zu kommen. In einen Zustand, in dem mein Geist gesammelt und konzentriert ist.

Die Forschung der Positiven Psychologie benennt eine Vielzahl von Übungen und Aktivitäten, die nachweislich das Wohlbefinden, Aufmerksamkeit, emotionale Stimmung steigern und stressreduzierend wirken. Für mich sind daraus drei Aktivitäten besonders wichtig geworden. Diese sind im Grunde sehr einfach:

Achtsamkeit

Ich beobachte an mir, dass in diesen Tagen mein Geist besonders aktiv ist und sich dies zu einer Unruhe steigert, in der ich fahrig und unkonzentriert werde. Hier erlebe ich meine regelmäßigen Achtsamkeitsübungen als besonders hilfreich. Manchmal bin ich sogar – auf freundliche Weise – besonders streng mit mir und mache nichts weiter, als meine Atemzüge zu zählen. Von 1 bis 10, dann starte ich wieder bei 1.

Den Atem zu beobachten, mit oder ohne Zählen, das erlebe ich in diesen Tagen als sehr hilfreiche Übung. Ich mache es, verteilt auf zwei oder drei Sitzungen, etwa 60 min am Tag.

Bewegung

Während die Achtsamkeit vor allem meinen Geist beruhigt und fokussiert, so trägt körperliche Bewegung dazu bei, dass sich meine Stimmung verbessert. Dieser Effekt, den ich zuverlässig bei mir selbst beobachte, ist auch in etlichen Studien nachgewiesen. So achte ich darauf, dass ich, auf welche Weise auch immer, täglich zu mindestens 30 Minuten Bewegung komme.

Natur

Vor etwa 30 Jahren hat mir eine Psychologin gesagt: „Natur heilt die Seele“. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mittlerweile gibt es zum Zusammenhang von Natur und Psyche auch eine Vielzahl von Forschungen, welche die Art und Weise des Zusammenhangs genauer verstehen und beschreiben will.

Gerade in diesen Frühlingstagen empfinde ich den Aufenthalt in der Natur als besonders wohltuend. Und ich kann sehr gut verstehen, dass es vergangenes Wochenende sehr viele Menschen nach draußen gezogen hat. Solange wir dabei die nötige Distanz halten, sollten wir das auch tun. Ich selbst versuche, möglichst jeden Tag eine gewisse Zeit draußen und in der Natur zu verbringen – was auf dem Land natürlich einfacher ist.

Mit diesen drei Aktivitäten, die ich in den letzten Wochen konsequent umsetze, ist es mir gelungen, mit meiner inneren Krise recht gut umzugehen. Mal schauen, wie es weiter geht…

Noch ein zusätzlicher Link:

Während der Arbeit an diesem Beitrag ist mir zufällig ein Artikel aus der „Psychologie Heute“ zugesandt worden. Hier berichtet die Psychologie-Professorin Kate Sweeny von ihren Forschungen zum Umgang mit Corona und Quarantäne. Den Artikel findest du hier: „Im Flow vergisst man seine Corona-Sorgen“


Bitte teile diesen Beitrag mit …

Kommentar schreiben

  • (will not be published)

XHTML: Sie können diese Auszeichnungen nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>