Die verborgene Ordnung / Teil 1

Systemische Aufstellungenvon Christian Rosenblatt

Neben meinem Interesse für NLP beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit der Methode der systemischen Aufstellungsarbeit. Sie ist schon sehr lange zu einem ganz selbstverständlichen Teil meiner Arbeit geworden. Zum einen nutze ich diesen Ansatz natürlich immer dann, wenn ich bei abb-seminare Aufstellungswochenenden anbiete oder diesen Ansatz in die NLP-Ausbildung integriere.

 

Aber auch in meiner Arbeit als Coach und Organisationsentwickler in Unternehmen hilft mir mein systemischer Blick immens, um gemeinsam mit meinen Klienten stimmige und nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

In der nächsten Zeit werde ich mich hier auf dem abb-Blog immer mal zu Wort melden, um einige meiner eigenen Lernerfahrungen, Sichtweisen und Erkenntnisse über Systeme mit Euch zu teilen. In diesem ersten Blogbeitrag soll es zunächst grundlegend über systemische Ordnung in Veränderungsprozessen gehen. In späteren Beiträgen werde ich dann auf einige systemische Ordnungsprinzipien eingehen.

Was ist ein System?

Auto als triviales System

Auto als triviales System

Ein System ist eine Ansammlung verschiedener Elemente, die miteinander in Beziehungen stehen und wechselseitig aufeinander einwirken. Wir unterschieden zwischen

  • trivialen Systemen, deren Dynamik wir vorausberechnen können, wie zum Beispiel ein Thermostat oder ein Auto, und
  • komplexen Systemen, bei denen sich so viele Faktoren und Ebenen überlagern, dass sie sich gar nicht oder nur bis zu einem gewissen Punkt sicher berechnen lassen. Ein Beispiel dafür ist das Wetter. Obwohl die Berechenbarkeit des Wetters immer mehr zunimmt, können Meteorologen eigentlich nur Wahrscheinlichkeiten voraussagen.
Wetter als komplexes System

Wetter als komplexes System

Betrachtungsebenen

Jedes lebendige System – also alles, was in der Natur vorkommt – ist komplex. Und da alles miteinander in Verbindung steht, müssen wir Systemgrenzen definieren, um überhaupt einen Betrachtungsrahmen zu erhalten. Wenn wir also einen individuellen Menschen als abgegrenztes System betrachten, dann kann eine Systemebene zum Beispiel aus seinen Organen bestehen, die miteinander funktionieren und kommunizieren. Eine andere Ebene könnte durch die Persönlichkeitsanteile definiert werden. Manche nennen diese Systemebene „das innere Team“.

 

Betrachtungsebenen

Betrachtungsebenen

Dieser individuelle Mensch ist aber auch Teil eines größeren Ganzen. Und was außerhalb von ihm ist, das wirkt vielleicht auf ihn ein, so wie er umgekehrt auch auf seine Umwelt einwirkt. Auf einer anderen Ebene können wir also dieses Individuum als ein Element eines größeren Systems betrachten, wie zum Beispiel als Mitglied einer Familie oder Organisation.

Ganz schön vielschichtig! Wie können wir bei alldem, was da aufeinander einwirkt, überhaupt den Überblick bewahren? Um das zu schaffen, müssen wir die eigentlich vorhandene Komplexität künstlich reduzieren. Wir fokussieren uns auf bestimmte Abschnitte, ohne die anderen Einflüsse völlig aus dem Auge zu verlieren. Wir nehmen dabei, wie die Meteorologen auch, eine gewisse Unschärfe in Kauf. Und wir müssen die Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen kennen, nach denen die Elemente aufeinander einwirken.

Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen (Sprichwort)

Ordnung

Ordnung

Beim Begriff „Ordnung“ denken viele an ein aufgeräumtes Zimmer oder an einen leeren Schreibtisch. Aber Ordnung ist viel mehr als nur eine künstlich geschaffene Struktur, mit deren Hilfe wir versuchen, den Überblick über unseren Alltag zu behalten. Auch alles Natürliche hat eine implizite Ordnung. Ist diese verletzt, dann kommt das System vielleicht aus dem Gleichgewicht und tendiert dazu, sich selbst wieder in Balance zu bringen. So kann man zum Beispiel Krankheiten als einen Versuch des Körpers verstehen, etwas, das durcheinandergeraten ist, wieder zu „ordnen“.

Ordnung und Stabilität

Für biologische Systeme als auch für alle anderen Systeme gilt also, dass sie entweder „in Ordnung sind“ oder auch „in Unordnung geraten“ können. Wie im oben genannten Beispiel einer Erkrankung gerät ein System oftmals gleichzeitig aus dem Gleichgewicht, wenn es in Unordnung gerät. Aber Ordnung und Stabilität sind nicht das Gleiche! Ein System kann durchaus auch dann stabil sein, wenn es in Unordnung ist. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass viele Menschen in Zuständen verharren, in denen Sie unglücklich sind. Der Zustand ist also stabil, aber dennoch ist etwas nicht in Ordnung. Etwas drängt dann nach Veränderung. Aber warum ist es so schwer, eine Veränderung anzustoßen?

Es ist wie beim Zauberwürfel oder anderen Geduldsspielen, in denen man unter Umständen auch Elemente, die sich eigentlich schon am richtigen Platz befinden noch einmal verschieben muss, um letztlich die Lösung zu erreichen. Damit ein System einen höheren Grad von Ordnung erreicht, muss es zunächst in einen unstabilen Zustand überführt werden. Wenn eine Erkrankung chronisch ist, dann ist sie stabil, aber nicht in Ordnung. Wer sich schon einmal naturheilkundlich hat behandeln lassen, kennt das vielleicht: Damit eine chronische Erkrankung ausheilen kann, muss sie sehr oft erst wieder in einen akuten Zustand überführt werden. In diesem Zustand können die Symptome sogar zunächst wieder stärker werden. Mediziner sprechen dann von Erstverschlimmerung.

Instabilität macht vielen Menschen Angst. Sie verharren lieber in einem stabilen Zustand und nehmen Unordnung und damit Unzufriedenheit in Kauf. Man sagt, dass Menschen Angst vor Veränderung haben. Genauer gesagt wünschen sich viele Menschen eigentlich Veränderung, haben aber Angst vor der damit zunächst einhergehenden Destabilisierung.

Transite begleiten

Einsiedlerkrebs

Einsiedlerkrebs

In unserer Rolle als Coach oder Berater können wir Veränderungsprozesse dadurch unterstützen, indem wir dem betreffenden System in solchen Phasen, in denen es instabil wird und nicht wie gewohnt reagieren kann, einen sicheren Rahmen zur Verfügung stellen.

In der Natur können wir für den Umgang mit Transitphasen viele Beispiele finden. Auf einer meiner Kubareisen begegnete ich an einem tropischen Strand mehreren Einsiedlerkrebsen. Diese witzigen Tierchen leben in einem verlassenen Schneckenhaus, welches sie ständig mit sich herumtragen. Es wird zu ihrem eigenen Schneckenhaus und hat dabei nur einen einzigen Nachteil: Wenn die Krebse wachsen, dann vergrößert sich ihre schützende Behausung natürlich nicht mit. Irgendwann wird es zu eng und der Krebs muss „umziehen“. Für den Krebs sind diese Umzüge die gefährlichsten Momente ihres Lebens, denn nun sind sie ungeschützt und können zur leichten Beute für Vögel und anderer Krebsfresser werden. Was tun sie also? Obwohl sie – wie ihr Name ja schon erahnen lässt – eher Einzelgänger sind, treffen sie sich zum Umzug zu einer Art „Immobilientauschbörse“. Ich nehme dein Häuschen, ein anderer nimmt meins. Die Gemeinschaft gibt Schutz und Orientierung. Und ein neues Zuhause.

Wir Menschen machen das auch so: In Transitphasen verspüren wir oft den Drang uns zu vernetzen, um uns gegenseitig Schutz und Orientierung zu bieten. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Menschen gerade bei anstehenden Veränderungen den Weg zur abb-seminare zum Beispiel in eine NLP-Ausbildung finden. Sie wünschen sich einen höheren Grad an Ordnung, fürchten aber mit Recht die Instabilität des Übergangs. Sie kommen zu uns, um sich für eine anstehende Transitphase Rüstzeug und Begleitung zu holen.

Die Ökologiefrage

Es gibt noch einen weiteren Punkt, den wir als Begleiter von Menschen und Systemen in Transitphasen beachten sollten, um ihnen den Übergang zu erleichtern: Der Antritt einer Reise fällt ihnen um so leichter, je mehr Gewissheit über drei Aspekte besteht:

  1. Der Transit ist machbar: Ich werde die Reise überleben und nicht von Vögeln gefressen werden.
  2. Der Zielzustand wird einen höheren Grad an Ordnung aufweisen als der bisherige: Ich habe mehr Platz in dem neuen Häuschen und kann weiterwachsen.
  3. Der Zustand wird sich nach der Veränderung auch wieder stabilisieren: Das neue Schneckenhaus ist sicher und wird auch eine Weile mein Zuhause bleiben können.

Diese Kombination zwischen Ordnung und Stabilität bezeichnen wir im NLP mit dem ursprünglich aus der Biologie stammenden Begriff der „Ökologie“. Im NLP bedeutet Ökologie, dass ein System nach einem Veränderungsprozess wieder in eine stabile und stimmige Ordnung kommt und sich dabei angemessen in sein Umfeld einfügt. Dass zum Beispiel unsere Kunden uns weiterhin gut finden, auch wenn wir eine neue Webseite haben…. Dass wir trotzdem noch Familienleben haben, auch wenn ich zweimal die Woche nach der Arbeit zum Sport gehe…. Dass mein Chef mir immer noch wohlgesonnen ist, auch wenn ich zu widersprechen gelernt habe. Und wenn das alles nicht so ist: Dass ich bereit und in der Lage bin, mit den Konsequenzen umzugehen.

Ordnung in sozialen Systemen

Familie als soziales System

Familie als soziales System

Alle Organisationen wie Unternehmen, Staaten und Vereine regeln das Miteinander ihrer Mitglieder. Wer zum Beispiel in einem Mietshaus wohnt, hat sich an eine „Hausordnung“ zu halten. Doch es ist beileibe nicht nur das Beachten von formalen Regeln und gesellschaftlichen Normen was darüber entscheidet, ob Menschen eine Gemeinschaft als stimmig oder gestört erleben.

In einem der nächsten Blogbeiträge werde ich weiter von Ordnungen in sozialen Systemen berichten. Ich werde einige Ordnungsprinzipien vorstellen, die meist im Verborgenen wirken. Ich werde darstellen, warum deren Beachtung das Leben deutlich vereinfachen kann. Und wenn dennoch etwas schiefläuft: wie es sich dann wieder „in Ordnung“ bringen lässt.

Die aktuellen Termine für mein Aufstellungsseminar bei abb-seminare finden Sie hier:
Weitere Informationen.


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2 Kommentare zu “Die verborgene Ordnung / Teil 1”

  1. Sabine Chmielewski

    Lieber Christian, ich habe diesen Text mit viel Interesse gelesen. Ich finde ihn sehr gut geschrieben, schlüssig und lebendig – er macht auf jeden Fall Lust, an Deinem Seminar im September teilzunehmen. Ganz abgesehen vom Inhalt gefallen mir auch Dein Foto und die weiteren Fotos zur Illustration des Inhalts.
    Viele Grüße von
    Sabine

    Antworten
    • Christian Rosenblatt

      Liebe Sabine,

      ich freue mich sehr, dass Dir der Artikel gefällt. Ich habe im Moment richtig viel Freude daran, meine Gedanken aufs virtuelle Papier zu bringen. Du weisst, das war nicht immer so. Da kommt mir Dein schönes Feedback gerade recht ;-)

      Übrigens, passend zum Thema: Gerade eben erreicht mich die Zertifizierungsfreigabe des DVNLP für unsere Aufstellungsausbildung, die im kommenden Jahr bei abb-seminare beginnen wird. Mehr dazu demnächst! :-)

      Herzlichst, Christian

      Antworten

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