Der Spannungsbogen im Seminar: Das Sandwichmodell

Wie gestalte ich ein Seminarvon Albert Glossner

Insbesondere von Trainerinnen und Trainern, die neu in das Training einsteigen, höre ich immer wieder die Frage: „Wie schaffe ich es, dass meine Teilnehmer den ganzen Tag wach und interessiert bleiben?“

Oder anders formuliert: „Wie halte ich den Spannungsbogen über einen Seminartag?“

 

Zu dieser Frage gibt es eine ganze Reihe von Aspekten, die ich als Trainer beachten kann. Der – nach meiner Erfahrung – wichtigste Aspekt ist das ganz einfache Sandwich-Prinzip. Wenn ich dieses Prinzip in der Trainerausbildung (Modul Seminare leiten) vorstelle, dann sage ich gerne: „Wenn ihr von all dem, was ihr hier lernt, eines auf keinen Fall vergessen solltet, dann das Sandwich-Prinzip.“ Worum geht’s dabei?

Lernen als Ein- und Ausatmen (rezeptives und aktives Lernen)

Die grundlegende Idee dabei ist, dass der Prozess des Lernens mit dem des Atmens verglichen werden kann. Es gibt zwei Phasen – das Einatmen und das Ausatmen.

Das Einatmen entspricht der Aufnahme von Information („rezeptive Phase“), das Ausatmen der Speicherung und Verarbeitung der Information („expressive Phase“). Und beim Lernen ist es das gleiche wie beim Atmen: wenn ich eingeatmet habe, dann kann ich vielleicht noch ein wenig mehr einatmen, aber dann ist notwendig, dass ich ausatme. Erst dann ist Einatmen erst wieder möglich.

Gleiches ist beim Lernen: wenn ich als Lernender neue Informationen aufnehme, dann ist die Menge der Information, die ich in einem Stück aufnehmen kann, sowohl von der Menge als auch von der Zeit her begrenzt. Dann ist notwendig, dass ich mit der neuen Information irgendetwas mache: sie in Verbindung setze zu dem, was ich schon weiß, Fragen dazu stelle oder beantworte, sie bewerte, Aufgaben dazu bearbeite oder die Anwendung der Information in meiner beruflichen Praxis vorbereite. Erst wenn dann das geschehen ist, dann kann ich wieder neue Informationen aufnehmen.

Hier die wichtigsten Funktionen der jeweiligen Phasen:

A ) Phase der Informationsaufnahme / rezeptive Phase – Einatmen

Wahrnehmung / Informationsaufnahme

Die Informationsaufnahme als eine grundlegende Voraussetzung für das Lernen ist abhängig von:

  • der Aufmerksamkeit (allgemeine Wachheit, gezielte Interessen)
  • dem individuellen Lerntyp: jeder Lernende nimmt die angebotene Information auf seine Weise auf!

Erste Einbindung / erste Bewertung

  • Die neue Information wird entschlüsselt und mit individueller Bedeutung versehen.
  • Neues wird mit schon Bekanntem in Verbindung gebracht und verglichen.
  • Es finden erste Bewertungsprozesse statt: nur Einleuchtendes, Plausibles und Einsichtiges wird verwertet und eingebunden.

B. Phase der Informationsverarbeitung / aktive Phase – Ausatmen

Speicherung / Verankerung im Gedächtnis

  • Bei der Speicherung und beim Wiederauffinden gespeicherter Informationen spielen gefühlsmäßige Zustände, Motivation und Stress eine große Rolle.
  • Ebenso wichtig ist regelmäßige Wiederholung: die Gedächtnis¬spuren werden so vertieft.

Erinnern / Reaktivieren

  • Beim „Einatmen“ der letzte Schritt, ist beim „Ausatmen“ der erste.

Wiedergeben / Präsentieren

  • Wiederaufgefundenes Material wird auf verschiedene Weise wiedergegeben und präsentiert, etwa sprachlich, zeichnerisch oder darstellend.

Übertragung / Anwendung

  • In theoretischen und praktischen Aufgaben wird die Anwendung des Gelernten geübt. Dieser Schritt findet in der konkreten Praxis seinen Abschluss.

 

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Wie lange sollten die jeweiligen Phasen sein?

Klaus Döring (2001) gibt die Empfehlung, dass die Phase der Informationsaufnahme (Einatmen) höchstens 20 min dauern soll und die Phase der Informationsverarbeitung (Ausatmen) mindestens 20 min dauern soll. Diese Empfehlung halte ich im Grunde für sehr sinnvoll, wobei ja nach kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmer, nach Motivationslage und auch Gestaltung der Informationsaufnahme Abweichungen völlig in Ordnung sein können, d.h. die Informationsaufnahme darf auch mal länger und aktive Phasen auch mal kürzer sein. Entscheidend ist aber, dass es diesen Wechsel immer wieder gibt und dass die Phase der reinen Informationsaufnahme nicht zu lange ist. Optimal finde ich beispielsweise kurze, knackige Präsentationen, z.B. in einer Länge von 15-20 min. Natürlich dürfen die je nach Zielgruppe und Tageszeit auch etwas länger sein. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich jemals eine Präsentation als sinnvoll erlebt habe, die länger als 45 min dauerte.

Wieso Sandwich Prinzip?

Wenn ich dieses Prinzip der stetigen Abwechslung von Informationsaufnahme und -verarbeitung als Grundprinzip meiner Seminarplanung nehme, dann sorge ich damit dafür, dass Lernen „gut verdaulich“ wird. Eine Informationsüberflutung der Lernenden – wie ich sie als Lernender in Studium und in verschiedenen Weiterbildungen sehr oft erlebt habe – wird damit vermieden. Die unmittelbare Anwendung der Information in der Verarbeitungsphase stellt sicher, dass ich als Lernender auch das Gefühl habe, erfolgreich gelernt zu haben, was einen positiven Effekt auf die Lernmotivation hat.

Wenn ich nun auf diese Weise mein Seminar aufbaue, eine Abwechslung von Informationsaufnahme und -verarbeitung, dies noch mit einem geeigneten Einstieg und Ausstieg verbinde, dann habe ich damit einen „Lernburger“ geschaffen, der Lernen optimal verdaulich macht – und das Sandwich-Prinzip erfolgreich umgesetzt.

In der nächsten Folge zum Thema „Spannungsbogen“ wird es dann um die Sozialformen des Lernens gehen, in der dritten Folge um Zeiten und Rhythmen.


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2 Kommentare zu “Der Spannungsbogen im Seminar: Das Sandwichmodell”

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