Der Spannungsbogen im Seminar: Zeiten und Rhythmen

Spannungsbogen im Seminarvon Albert Glossner

Wie halte ich den Spannungsbogen in meinem Training?

In Teil 1 ging es um die Abwechslung von Lernaktivitäten als erstes Prinzip, im Teil 2 um die soziale Dimension des Lernens, den unterschiedlichen Sozialformen, im dritten und letzten Teil geht es um Zeiten und Rhythmen, die das Lernen unterstützen. 

 

In der Suggestopädie gibt es den Begriff der „Rhythmisierung des Lernens“. Dieses Prinzip wird als einer der Wirkfaktoren suggestopädischen Lernens gesehen. Ich verstehe „Rhythmisierung“ als das Prinzip, Lernen an den biologischen Rhythmus des Menschen zu orientieren. Also, andersrum formuliert, den Menschen mit seinen Rhythmen in den Mittelpunkt zu stellen und zu überlegen, wie kann Lernen gestaltet werden, dass es der menschlichen Natur gerecht wird.

 

Was bedeutet dies nun für die Praxis des Trainierens?

Aus meiner Sicht betrifft dies folgende Ebenen:

  • Beachtung des Biorhythmus, also der Frage: Welche Aktivitäten sind in welcher Tageszeit am besten angesiedelt?
  • Beachtung des Stundenrhythmus, also der Frage, wie lange sich Menschen gut auf eine Tätigkeit konzentrieren können und wann Abwechslung nötig ist
  • Der Rhythmus des gesamten Trainings, das als Abfolge bestimmter Seminarphasen verstanden werden kann
  • Das Konzept von gerichteter und ungerichteter Aufmerksamkeit in Verbindung mit der Attention Restoration Theory (ART)
  • Der konkreten Gestaltung von Zeiten und Pausen

Der Biorhythmus

Für das Selbstmanagement gibt es ja die Regel: konzentrierte Arbeiten am Vormittag, Meeting und Kontakt nach dem Mittag, kreative Arbeiten am Nachmittag und Abend. Die Konzentrationskurve schaut zwar individuell unterschiedlich aus, aber generell ist am Vormittag die Konzentrationsfähigkeit am höchsten, nach der Mittagspause gibt es ein Tief, danach steigt es wieder.

Ähnliches gilt für das Training: schon oft habe ich die Erfahrung gemacht, welch einen großen Unterschied es macht, die gleiche Lernaktivität zu verschiedenen Tageszeiten durchzuführen. Und immer wieder bin ich überrascht davon, welch großen Einfluss die Tageszeit auf die Akzeptanz und die Wirkung einer bestimmten Methode oder Lernaktivität hat.

Dementsprechend sind auch meine Empfehlungen:

Lerninhalte, die eine hohe Konzentration erfordern, sind am Vormittag am besten angesiedelt. Hier dürfen Präsentationen auch etwas länger sein. Ich habe die Vorstellung entwickelt, am Vormittag gibt es das Bedürfnis nach Wissen, nach Theorie, nach kognitiver Anstrengung. Nach der Mittagspause sind beispielsweise Gruppenarbeiten gut angesiedelt. Auf jeden Fall ist hier eine relativ dichte Abwechslung der Arbeitsformen sinnvoll, damit wenig Gleichförmigkeit entsteht.

„Eine Aktivierung gegen das Suppenkoma“ und dann weiter mit dem Trainerinput – das halte ich auf jeden Fall für nicht ausreichend. Viel besser gefällt mir da das Beispiel einer Trainerin, das mir Anfang des Jahres begegnet ist: sie meinte, es ist gut, nach einer Mittagspause erst mal mit eine Entspannung zu beginnen. Dann lässt sich hinterher viel effektiver arbeiten. Für all die Trainer, die mit Entspannung oder ruhigen Arbeitsphasen arbeiten, finde ich das eine sehr gute Empfehlung.

Spielerische oder kreative Elemente sind nach meiner Einschätzung am späten Nachmittag am besten angesiedelt.

 

Der Stundenrhythmus

Ganz viele Aktivitäten richten sich an den Stundenrhythmus, der irgendetwas zwischen 45 und 90 min angesiedelt ist. Die Schulstunde, die Vorlesung an der Uni, die Fernsehsendung, der Kinofilm, das Fußballspiel, die Zeit der Raucher bis zur nächsten Zigarette, der Gottesdienst – alles orientiert sich in etwa an der gleichen Länge. Klar ist, danach ist eine Pause nötig – ansonsten werden die Menschen unproduktiv, gelangweilt, genervt oder auch aggressiv. Ich erinnere mich sehr gut an einen Trainer, der ganz überrascht an dieser Stelle in der Trainerausbildung bemerkte, dass er nie Pausen mache und dies auch funktioniere. Einen Tag später stellte er die Frage, wie der damit umgehen solle, dass bei ihm ständig die Teilnehmer raus- und reinrennen. Fazit: wenn ich als Trainer keine Pausen setze, werden sich die Teilnehmer diese nehmen, auf welche Art und Weise auch immer.

So ist meine Empfehlung, und das ist ja meist auch die Praxis – pro Vormittags- und pro Nachmittagseinheit mindestens eine längere Pause zu machen. Wobei zu viele Pausen (mehr als 5 pro Tag), wie ich es bei stark rauchenden Trainerkollegen beobachtet habe, den Tag zu sehr zerstückeln.

 

Der Trainingsrhythmus

Karlheinz Geißler hat, ausgehend von dem Teamentwicklungsmodell von Tuckman, ein Entwicklungsmodell für die Zusammenarbeit in Lern- und Projektgruppen entwickelt. Dieses unterscheidet 4 Phasen:

  • Orientierungsphase
  • Differenzierungsphase
  • Arbeitsphase
  • Ablösephase

Eine ausführlichere Darstellung dieses Modells findet sich in einem gesonderten Blogbeitrag.

Wichtig an dieser Stelle ist, dass für den Seminarstart als auch für das Seminarende jeweils ein bestimmter Zeitraum eingeplant werden sollte. Als Faustregel gilt: 10 % der gesamten Seminarzeit. Wobei dieser Anteil bei persönlich orientierten Trainings natürlich höher ist als bei Trainings mit einer stark fachlichen Ausrichtung.

So ist bei Beginn des Trainings nötig, Zeit einzuräumen, um Nutzen, Inhalte und Fahrplan des Trainings vorzustellen, organisatorische Fragen zu klären, ein Kennenlernen zu ermöglichen, möglicherweise Erwartungen zu klären und einen inhaltlichen Einstieg in das Thema zu gestalten. Wie auch immer und in welcher Reihenfolge dies gestaltet wird.

Ähnliches gilt für das Ende: auch hier ist es keine gute Idee, am Schluss noch Inhalte zu erarbeiten. Hier ist es sinnvoll, Raum zu geben, um einen Übergang in den Alltag zu unterstützen, d.h. also die Frage was bedeutet das Gelernte für meinen Alltag, wie kann ich es nutzen, was werden konkrete Schritte sein, mit welchen Schwierigkeiten rechne ich, etc.

 

Attention Restoration Theory

(Kaplan & Berman 2010)

In unserer Zeit ist die Fokussierung der eigenen Aufmerksamkeit eine immer größer werdende Herausforderung. Wichtige Reize rufen kein oder wenig Interesse in uns hervor, wohingegen wir ständig von interessanten, aber unwichtigen Reizangeboten umgeben sind. Diese zu ignorieren und sich auf die wichtigen Reize zu konzentrieren, verlangt Konzentration und psychologischen Aufwand und verbraucht kognitive Ressourcen.

Kaplan spricht von zwei Arten von Aufmerksamkeit:

  • Gerichtete Aufmerksamkeit: wird bewusst aktiviert, kognitiv gesteuert, braucht Energie, führt zur Ermüdung
  • Anstrengungslose (automatische) Aufmerksamkeit: neue interessante Dinge, wichtig, egal ob attraktiv, spannend oder angstauslösend, geht leicht und benötigt wenig Energie

Längere Zeit gerichteter Aufmerksamkeit führt zur geistigen Ermüdung („cognitive depletion“).

Besonders interessant an diesem Ansatz finde ich, dass Kaplan in Studien belegen konnte, dass insbesondere Zeiten in der Natur (Park, Wald, etc.) besonders geeignet sind, um den kognitiven Aufmerksamkeitsspeicher wieder aufzufüllen. Selbst Naturbilder können diesen Effekt auslösen.

Dies hat nun folgende Konsequenzen für uns als Lehrende:

  • Wie können wir mit dem Aufmerksamkeitsspeicher unserer Teilnehmer sorgsam umgehen, durch Pausen und Wechsel der Aktivität?
  • Wie können wir Störquellen, die Aufmerksamkeit abziehen (Lärm, Ablenkung, Seitengespräche, Handy, …), weitestgehend ausschalten?
  • Wie kann ich die Vermittlung interessant gestalten ich die Vermittlung gestalten, um weniger Aufmerksamkeits-Energie zu verbrauchen?
  • Wie kann ich gegebenenfalls, Lernaktivitäten einbauen, die anstrengungslose Aufmerksamkeit erfordern (spielerische Aktivitäten am Nachmittag)?
  • Ist es möglich, Natur oder Pausen in der Natur einzubeziehen?

 

Zeiten und Pausen

„Das wichtigste am Seminar sind die Pausen.“

Ein etwas provokanter Satz, unterstreicht aber die Wichtigkeit der Pause. Wenn ich an Seminare denke, an denen ich teilgenommen habe, dann kann ich mich sehr wohl daran erinnern, dass ganz wichtige Gespräche oft in den Pausen stattgefunden haben. Auch von Meetings wird oft berichtet, dass wichtige Dinge oft in den Pausen besprochen werden. Die Pause ist ein informeller Rahmen, nicht der öffentliche Raum der Besprechung oder des Seminares, der ganz andere Gespräche ermöglicht, die oft eine sehr wertvolle Ergänzung für das eigentliche Seminar darstellen. Auf diesem Hintergrund erinnere ich mich selbst immer wieder daran, dass die Kaffeepause am Vor- und Nachmittag jeweils mindestens 20 min dauern sollte.

Die Länge der Mittagspause ist oft abhängig davon, ob die Teilnehmer am Tagesende nach Hause fahren oder nicht. Ich habe Verständnis dafür, dass Teilnehmende, die abends nach Hause fahren wollen, nicht länger als eine Stunde Mittagspause machen wollen. Je länger ich trainiere, desto mehr stelle ich jedoch fest, dass eine lange Mittagspause einen hohen Gewinn darstellt. Sobald die Mittagspause 1,5 Stunden oder länger ist, desto frischer und lernbereiter sind die Teilnehmer am Nachmittag.

Wie lang soll ein Training überhaupt dauern? Hier gibt es keine feste Regel, oft wird von 8 Stunden á 45 min echter Trainingszeit gesprochen, aber auch 9 oder 10 Stunden sind möglich. Wovon ich aber immer weniger halte, sind Trainings, die in den Abend gehen. Hier habe ich schon öfters sehr leidvolle Erfahrungen von Teilnehmern anderer Trainings gehört. Ich persönlich halte das für wenig sinnvoll. Es braucht Zeit, damit sich das Gelernte setzen kann, verarbeitetet wird.

 

Zum Spannungsbogen

Ausgangspunkt des Beitrags war die Frage, was ich als Trainerin / als Trainer tun kann, um den Spannungsbogen meines Trainings zu halten. Also sicherzustellen, dass die Teilnehmer stets interessiert und aufmerksam dabei sind.

Nach meiner Erfahrung sind drei Aspekte dabei am wichtigsten:

  • für einen Wechsel der Informationsaufnahme und Verarbeitung zu sorgen (siehe Sandwichprinzip)
  • für wechselnde Formen der Zusammenarbeit zu sorgen (siehe Beitrag Sozialformen)
  • für eine zeitliche Gestaltung zu sorgen, die dem menschlichen Rhythmus gerecht wird

Wenn diese drei Prinzipien beachtet werden, dann ist allein damit schon eine wesentliche Grundlage für ein gelungenes Training gelegt.

 

Literaturhinweise für Teil 1-3:

Döring, Klaus (2001): Lehren und Trainieren in der Weiterbildung
Geißler, Karlheinz (1995): Lernprozesse steuern: Übergänge zwischen Willkommen und Abschied
Kaplan, S. & Berman, M. (2010): Directed Attention as a Common Resource for Executive Functioning and Self-Regulation
Knoll, J. (2003): Kurs- und Seminarmethoden – Ein Trainingsbuch zur Gestaltung von Kursen und Seminaren, Arbeits- und Gesprächskreisen


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