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Psychologische Grundbedürfnisse nach Deci und Ryan

von Albert Glossner, 01. November 2023

Test 1

Überblick psychologische Grundbedürfnisse

Das Konzept der psychologischen Grundbedürfnisse nach Deci und Ryan hat einen festen Platz in der Positiven Psychologie. Diese Grundbedürfnisse - Autonomie, Kompetenz und Bindung - sind entscheidend für unser Wohlbefinden. In ihrer Forschungsarbeit konnten Deci und Ryan belegen, dass die Erfüllung der Grundbedürfnisse Voraussetzung für Wohlbefinden, Motivation und persönliches Wachstum sind. Sind die Grundbedürfnisse erfüllt, sind wir intrinsisch motiviert. Umgekehrt führt die permanente Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse zu Unzufriedenheit, De-Motivation oder der Entwicklung psychischer Symptome.

Mit ihrer Wachstumsorientierung unterscheiden sich die Grundbedürfnisse grundlegend von Defizit-Bedürfnissen: Während Motivation bei Defizit-Bedürfnissen (z.B.: Hunger, Sicherheit) entsteht, wenn diese nicht erfüllt sind, zeichnen sich Wachstumsbedürfnisse dadurch aus, dass Motivation entsteht, wenn diese erfüllt sind.

Psychologische Grundbedürfnisse im Überblick auf einem Flipchart


1. Autonomie: Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Menschen haben das grundlegende Bedürfnis nach Autonomie, also nach Selbstbestimmung und eigenverantwortlichem Handeln. Autonomie bezieht sich darauf, dass wir uns entscheiden und handeln können, ohne äußeren Zwängen unterworfen zu sein.

2. Kompetenz: Das Bedürfnis nach Wirksamkeit und Fortschritt

Wir alle wollen uns fähig und effektiv fühlen. Das Bedürfnis nach Kompetenz bezieht sich auf das Gefühl, dass man fähig ist, Aufgaben erfolgreich zu bewältigen, sich weiterzuentwickeln und Selbstwirksamkeit zu erleben.

3. Bindung:

Das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen und Zugehörigkeit bezieht sich darauf, dass wir uns mit anderen Menschen verbunden und unterstützt fühlen. Das Bedürfnis nach Verbundenheit beinhaltet das Gefühl, soziale Beziehungen zu anderen Menschen zu haben und sich in einem unterstützenden sozialen Umfeld zu befinden.

Das Modell der Grundbedürfnisse kann in unterschiedlichen Lebensbereichen genutzt werden. Hier einige Beispiele.

Psychologische Grundbedürfnisse in Führung und Zusammenarbeit

Führungskräfte sind immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie sie die Motivation von Mitarbeitenden steigern können. Das Modell der Grundbedürfnisse zu Grunde gelegt, kann diese Frage nach der Motivation umformuliert werden: inwieweit erleben Mitarbeitende Autonomie, Kompetenz und Bindung in einem Ausmaß, das für sie jeweils passend ist?

  • Autonomie : Für Menschen ist es in allen Lebenslagen und vor allem auch in der Arbeitssituation wichtig, Möglichkeiten zu haben, Entscheidungen zu treffen und Einfluss auf die Arbeitsgestaltung zu nehmen. Unternehmen sollten daher Raum für Autonomie schaffen, indem sie Mitarbeitern Entscheidungs¬spielräume geben und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Arbeit selbständig zu organisieren.
  • Kompetenz : Im Arbeitskontext erfahren wir Kompetenz, wenn Arbeitsaufgaben ein passendes Ausmaß an Herausforderung enthalten, uns weder unter- noch überfordern. Und wenn die Aufgaben ermöglichen, unsere Fähigkeiten einzusetzen und auszubauen.
  • Bindung : Im Arbeitskontext ist es wichtig, sich in das Team und die Unternehmenskultur eingebunden zu fühlen. Arbeitgeber sollten daher den Aufbau von positiven zwischenmenschlichen Beziehungen fördern und ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeiter sich gegenseitig unterstützen und wertschätzen.

Dabei können sich Mitarbeitende durchaus darin unterscheiden, in welchem Ausmaß ihnen jeweils das Erleben von Autonomie, Kompetenz und Bindung wichtig ist.

Psychologische Grundbedürfnisse in Beziehungen

Auch zum Aufbau positiver Beziehungen ist das Modell hilfreich: Wenn wir in Beziehungen das passende Ausmaß von Autonomie, Kompetenz und Bindung erleben, erleben wir die Beziehung als positiv und sind motiviert, diese zu pflegen und zu stärken.

Dies wird insbesondere deutlich, wenn wir uns das jeweilige Gegenteil der drei Grundbedürfnisse vorstellen: Das Gegenteil von Autonomie ist Fremdbestimmung, das Gegenteil von Kompetenz ist Hilflosigkeit, das Gegenteil von Bindung ist Isolation. Stell dir eine Beziehung vor, die von Fremdbestimmung, Hilflosigkeit und dem Gefühl des Isoliertseins geprägt ist.

In der psychologischen Ratgeberliteratur (z.B. Stahl, 2017) wird insbesondere auf das Bedürfnis nach Bindung und nach Autonomie Bezug genommen. Häufig werden diese als sich widersprechend erlebt und Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass jeweils ein Partner einen der beiden Pole besetzt. Stahl beschreibt, dass die Art und Weise, wie wir unser Bedürfnis nach Bindung und Autonomie leben, häufig durch Erfahrungen mit unseren ersten Bezugspersonen geprägt wurde. Dieses sich bewusst zu machen und sich zu erlauben, im Erwachsenenalter neue Erfahrungen zu machen, kann ein bedeutsamer Prozess zum Aufbau gelingender Beziehungen darstellen.

Die Frage, wie meine Grundbedürfnisse in einer bestimmten Beziehung erfüllt werden beziehungsweise wie ich sie leben kann, spielt eine wesentliche Rolle für die wahrgenommene Beziehungsqualität. Und kann somit als Motor und Orientierung für Entwicklung dienen.

Psychologische Grundbedürfnisse im Training/ beim Lernen

Auch auf Lernsituationen lässt sich dieses Modell sehr gut beziehen: die Motivation zum Lernen ist dann hoch,

  • wenn mein Bedürfnis nach Autonomie (z.B. was, wann und wie ich lerne) erfüllt wird,
  • wenn mein Bedürfnis nach Bindung (zum Lehrenden, zu Mitlernenden) erfüllt ist und
  • wenn ich mich als kompetent erlebe, also erlebe, dass ich dazulerne oder Neues erfolgreich anwenden kann.

Somit kann dieses Modell auf die Frage „wie motiviere ich meine Teilnehmer“ eine Antwort bieten: Indem ich die Frage herunterbreche auf: Wie kann ich Selbstbestimmung im Lernprozess ermöglichen, wie kann ich die Erfahrung von Kompetenz (Lernerfolg) unterstützen und was kann ich als Trainer*in dafür tun, dass Lernende positive Beziehungen aufbauen und Bindung erleben?

So lässt sich das Modell der Grundbedürfnisse auf unterschiedliche Lebensbereiche übertragen. Es ermöglicht ein tieferes Verständnis, welche Faktoren dazu beitragen, dass wir intrinsisch motiviert sind, uns wohl fühlen und uns persönlich entwickeln.

Literatur


über Albert Glossner

Diplom Psychologe
Ausbildungsleiter Positive Psychologie (DACH-PP)

Ich bin Diplom-Psychologe und seit 1993 Geschäftsführer der ABB e.V.. Neben meiner Führungstätigkeit bin ich als Trainer aktiv. Schwerpunkte meiner Trainertätigkeit sind die Aus- und Weiterbildung von Trainern, sowohl im offenen Seminarprogramm der abb-seminare, als auch unternehmensintern. Seit 2015 ist die Positive Psychologie ein neues Schwerpunktthema meiner Arbeit.

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