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Dimensionen der Verbundenheit

von Albert Glossner, 26. Februar 2026

Das Gegenteil von Verbundenheit ist Trennung. Trennung und Einsamkeit sind weit verbreitet und werden ein zunehmendes gesellschaftliches Thema. Obwohl wir heute ständig in den sozialen Medien interagieren, scheinbar überall und zu jeder Zeit miteinander verbunden sind, sind wir dabei meist allein.

Die Forschung zeigt, dass einsame Menschen ein höheres Risiko haben, früher zu sterben. Sie erleben mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle, erleiden häufiger Depressionen, Diabetes oder Demenz. Insgesamt ist das Gesundheitsrisiko durch Einsamkeit und sozialer Isolation mindestens so groß wie das Rauchen (Holt-Lunstad et al. 2015).

Bindung / Verbundenheit ist eines der psychologischen Grundbedürfnisse. Erleben wir Verbundenheit, so stärkt dies Motivation, Wohlbefinden und persönliches Wachstum (Deci & Ryan 2008).

Drei Dimensionen der Verbundenheit

Doch wie lässt sich Verbundenheit beschreiben? Hier hat Tobias Esch einen interessanten Ansatz gefunden. Er beschreibt drei Dimensionen der Verbundenheit und hat die Idee dazu aus seiner buddhistischen Praxis entnommen: Er versteht Verbundenheit in drei Dimensionen und verwendet das Bild von drei Achsen, die durch uns hindurchführen: eine horizontale Achse nach links und nach rechts, eine weitere horizontale Achse von hinten nach vorne und eine dritte vertikale Achse von oben nach unten. Im Schnittpunkt der drei Achsen ist unser Mittelpunkt.

Die horizontale Achse der Verbundenheit zu den Seiten

Die erste Achse auf der horizontalen Ebene ist die Seitenachse, sie führt von rechts nach links oder umgekehrt. Hier finden wir Menschen, die unsere Begleiter sind, die mit uns durch das Leben gehen, unsere Peers, unsere Freunde und Kollegen, die Gleichaltrigen. Diese Achse ist also die Achse der Gegenwart. Die Reflexionsfrage hier ist: Wer ist da, wer geht mit mir, wer begleitet mich? Und wie verbunden bin ich mit ihnen?

Die horizontale Achse der Verbundenheit nach hinten und vorne

Hinter mir sind die Menschen, die mich aufgezogen haben, vielleicht meine Eltern, Lehrer und auch Vorbilder. Wenn wir weiter zurückgehen, die Vorfahren. Vor mir stehen die Menschen, die ich erziehe oder erzogen habe, also meine Kinder, aber auch Menschen, für die ich ein Vorbild bin, Menschen, die von mir lernen. Noch weitergedacht, Nachkommen und zukünftige Generationen.

Es ist also die Achse der Generativität, sie verbindet Vorfahren und Nachkommen, in der Mitte stehe ich selbst. Aus Berichten über indigene Traditionen wissen wir, dass in diesen Kulturen diese Achse eine große Bedeutung hat: einerseits in der Ehrung der Vorfahren, andererseits in der Frage, welche Konsequenzen heutige Entscheidungen jetzt zukünftige Generationen haben wird.

Die Reflexionsfrage hier lautet: Wie verbunden fühle ich mich mit denen, die vor mir gekommen sind und von denen ich gelernt habe und wie verbunden fühle ich mich mit denen, die nach mir kommen?

Die vertikale Achse der Verbundenheit

Hier verläuft die zentrale Achse vom Boden durch mich bis zum Himmel, oder umgekehrt. Die zugehörige Frage ist: Was ist der Boden, auf dem ich gehe, auf dem ich stehe, die Erde, die Kultur, die Natur, meine Heimat? Wie verbunden bin ich mit der Erde, wie zu Hause bin ich in meiner Heimat?

Nach oben führt die Achse in den Himmel, in das Universum, in das Transzendente. Was ist „da oben“ für mich? Wie ist meine Anbindung an etwas Höheres, Größeres, sei es Religion, Gott, Spiritualität, Sinn? Und wie verbunden fühle ich mich auf dieser Achse? Wie zentriert bin ich zwischen den beiden, und habe ich einen guten Kontakt?

Die Dimensionen als Reflexionstool

Das Modell lädt dazu ein, sich bewusst zu machen, wie stark die Verbindung jeweils zu den Seiten (den Peers), nach vorne (den Zukünftigen) und hinten (den Vorangegangenen) und nach oben (dem Transzendenten) und unten (der Erde) ist. Diese Reflexion kann bewusst machen, dass die Verbindung in eine bestimmte Richtung nicht so stark ist.

Beispielsweise hat gerade meine Generation in Deutschland auf dem Hintergrund des historischen Erbes die Schwierigkeit, eine stärkende Verbindung zur Generation der Eltern und Großeltern wahrzunehmen. Die Abgrenzung war notwendig, um eine eigene positive Identität zu entwickeln. Was gibt es hier noch zu heilen?

Bildlich lässt sich die jeweilige Stärke der Verbindung als Kugel beschreiben. Wenn ich die oben beschriebenen Achsen betrachte, wäre meine Kugel geformt? Wäre sie rund und gleichmäßig, wo läge das Zentrum? Wäre das Zentrum in mir, in meinem Kern? In meinem Herzen oder in meinem Hara? Oder wäre es verschoben in eine bestimmte Richtung? Wie fühlt sich das an und was bedeutet das für mich?

Und möglicherweise braucht es auch bestimmte Zeiten, um Verbindungen in bestimmte Achsen zu stärken. Zeiten, in denen ich die Verbindung nach links und rechts stärke, Zeiten, in denen ich die Generationsachse stärke und eine Zeit, in der ich zum Beispiel alleine in der Natur meine vertikale Achse stärke.

Ausbildung zum Anwender*in Positive Psychologie (Level 1 DACH-PP)

Verbundenheit ist ein wichtiges Thema der Positiven Psychologie. Es begegnet dir in der Ausbildung im Zusammenhang mit verschiedenen Themen: Grundbedürfnisse und intrinsische Motivation, Charakterstärke, Selbstmitgefühl, Positive Beziehungen, Natur und Psyche.

Auf dem Bild ist ein Flipchart mit der Aufschrift "Positive Psychologie" zu sehen. Die Aufschrift ist gelb eingerahmt. Unterhalb vom Text sind selbstgezeichnete Seerosen zu sehen.

Referenzen

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2008). Self-determination theory: A macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian psychology/Psychologie canadienne, 49(3), 182.

Esch, T. & Michaelsen, M. M. (2025). Models of Connectedness. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 8(2), 3-8.

Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., Baker, M., Harris, T., & Stephenson, D. (2015). Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review. Perspectives on psychological science, 10(2), 227-237.

Portrait Albert Glossner


Über den Autor

Albert Glossner ist Diplom-Psychologe, Trainer und Geschäftsführer der abb-seminare. Seit 2017 ist er zertifizierter Ausbildungstrainer Positive Psychologie und bietet seitdem Ausbildungen in Positiver Psychologie, zertifiziert durch DACH-PP an.

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