Rolle und Person in der Ausbildung zum Coach

Ausbildung Coachvon Albert Glossner und Rainer Molzahn

Eines der grundlegenden Konzepte, mit der wir in unserer Ausbildung zum Coach arbeiten, ist die Unterscheidung von Rolle und Person.

Was ist damit genau gemeint? Welchen Nutzen bietet dieses Konzept in der Ausbildung und Arbeit als Coach?

Rolle

Der Begriff Rolle kommt zunächst aus der Soziologie. Rollen werden verstanden als eine Art Verhaltensmuster, welches in einer bestimmten sozialen Situation gebraucht und verlangt wird. Wenn Menschen diese Rollen übernehmen, werden sie zu Trägern von Verhaltensweisen, Einstellungen und Gefühlen, die zu der Rolle gehören.

Gleichzeitig ist mit einer Rolle auch beschrieben und definiert, was der Einzelne zum Ganzen beiträgt. Und umgekehrt ist mit einer Rolle beschrieben, was das Ganze (also das Unternehmen, das System, die Gesellschaft …) vom Einzelnen erwartet und braucht.

Menschen verlieren also in einem gewissen Sinne ihre Individualität und nehmen typisiertes Verhalten an. Dieses Phänomen zeigt sich insbesondere auch in den Rollenerwartungen und -erfüllungen im Rahmen des Berufslebens: Ärzte sehen aus wie Ärzte, Rechtsanwälte wie Rechtsanwälte, Führungskräfte haben ein anderes Verhalten und Auftreten wie Sachbearbeiter, Produktionsleiter ein anderes wie ein Coach etc. Wollen wir in einer bestimmten Rolle akzeptiert werden, müssen wir uns bis zu einem gewissen Grad an die Erwartung angleichen, die an die Rolle gerichtet werden. Sonst werden wir kritisiert, nicht ernst genommen oder einfach ignoriert.

Eine Rolle ist also größer als eine Person, weil sie auch dann noch erhalten bleibt, wenn der Mensch die Rolle verlässt. Umgekehrt ist eine Person größer als eine Rolle, weil er viele verschiedene Rollen ausfüllen kann.

Rolle und Person

Die Wechselwirkung zwischen Rolle und Person ist vielfältig:

  • Einerseits fühlen sich Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit zu bestimmten Rollen hingezogen. Von diesen Rollen erhoffen sie sich eine Erweiterung ihrer persönlichen Macht und Einflussmöglichkeiten oder diese Rollen fordern und unterstützen sie in der Entwicklung bestimmter Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer selbst.
  • Andererseits suchen sich die Rollen auch ihre Menschen, die sie brauchen, um sich selbst zum Ausdruck zu bringen.

Was ist größer: Rolle oder Person?

Rolle dominiert Person

  • Rollen sind langlebiger und werden uns von den Organisationen meist durchdekliniert angeboten.
  • Es gibt keinen Urlaub von der Rolle.
  • Wir messen unser Verhalten an den Maßstäben, die die Rolle vorgibt.
  • Nur, wenn wir eine Rolle spielen, die dem Ganzen nützt, ist unser Leben bedeutungsvoll

Person dominiert Rolle

  • Wir können unsere systemischen Rollen wählen.
  • Nur als Personen sind wir schöpferisch und innovativ.
  • Ethische Entscheidungen treffen wir immer als Personen

Vgl. Rainer Molzahn: Tough Love. Führen ist Beziehungsarbeit (2014)

Gut ist, beide Sichtweisen zur Verfügung zu haben und situationsgerecht die Person (bzw. die Verantwortung des Einzelnen) oder die Rolle (bzw. die Erfordernisse der Organisation) in den Vordergrund zu stellen. Es sind die beiden Seiten einer Medaille.

Rollenbeziehungen und Personenbeziehungen

Nun treten wir in Rollen in Beziehung zu anderen Rollen. Und wir haben Beziehungen als Person zu anderen Personen. Dementsprechend können wir Rollenbeziehungen und Personenbeziehungen unterscheiden.

Als Rolleninhaber haben wir Ziele und Interessen. Für diese setzen wir uns ein. Wir haben Erwartungen an andere Rollen und andere haben Erwartungen an uns. Rollenbeziehungen werden bestimmt von Kooperation (und damit verbunden von gegenseitiger Abhängigkeit) sowie von Konkurrenz. Mit manchen Rollenträgern kooperieren wir, mit manchen konkurrieren wir, bisweilen auch beides gleichzeitig. Die andere Dimension ist geprägt von Dominanz und Unterordnung. Jeder Rolle ist ein bestimmter Rang zugewiesen (siehe unten).

Als Personen haben wir Bedürfnisse, wir wollen z.B. ernst genommen, respektiert und geschätzt werden. Personenbeziehungen sind geprägt von den beiden Dimensionen Zuneigung / Abneigung sowie Dominanz / Unterordnung.

Oft kommt es vor, dass wir mit den gleichen Menschen Personen- und Rollenbeziehungen pflegen. Unklar werden Beziehungen dann, wenn wir beides auf unzulässige Art und Weise vermischen.

Rolle und Rang

Prinzipiell definiert eine Rolle die Art und das Gewicht eines individuellen Beitrags zum Ganzen, zur Gruppe. Jede Rolle geht somit einher mit einem Rang, der die Qualität und die Gewichtigkeit ihres Beitrags bestimmt. Dieser Rang wird dem Träger oder dem Trägerin einer Rolle von der Gemeinschaft zugewiesen. Am deutlichsten ist dies ablesbar in hierarchisch strukturierten Gruppen und Organisationen, zumal, wenn der Rang einer Rolle mit äußerlich sichtbaren Abzeichen, Insignien und Requisiten versehen ist. Rangverhältnisse und Rangdynamiken entfalten sich aber in jeder Gruppe und jeder Beziehung zwischen Individuen.

Rang lässt sich beschreiben als:

  • der Zugang zu Ressourcen der Gemeinschaft einerseits
  • verbunden mit der Summe der Privilegien andererseits,
  • mit denen der Träger einer Rolle ausgestattet ist, damit der Träger seinen in der Rolle zusammengefassten Beitrag zum Wohl des Ganzen leisten kann.

Rang ist u.a. erkennbar an dem Einfluss und Gewicht, dass ein Gruppenmitglied hat. Von Machtmissbrauch wird dann gesprochen, wenn ein Rollenträger seinen Rang (Ressourcen und Privilegien) auf eine Weise nutzt, die nicht mehr dem Wohl des Ganzen dient.

Rang ist überwiegend unbewusst: Ein entscheidendes Merkmal von Rang ist, dass er demjenigen, der ihn hat, in der Regel nicht bewusst ist. Derjenige mit Rang geht davon aus, dass er mit allen anderen gleichgestellt ist, dass die Privilegien, die er genießt, selbstverständlich sind.

Rangbewusstheit entsteht durch Feedback und Rollenwechsel. Das Gefühl für die Macht und Wirkung von Rang haben wir und kennen wir aus Situationen, in denen wir rangniedriger sind. Dies bedeutet, über unseren Rang und unsere Art, mit unserem Rang umzugehen, können wir am besten durch die Reaktion anderer Menschen etwas lernen und indem wir uns in ihre Situation und Perspektive einfühlen.

Die Bedeutung dieser Konzepte für die Arbeit als Coach und Ausbildung zum Coach

Der größte Teil der Themen, mit denen Menschen zu uns als Coach kommen, hat damit zu tun, wie sie als Personen ihre Rolle ausfüllen. Oder wie es ihnen gelingt, den Erwartungen gerecht zu werden, die an ihre Rolle gerichtet sind. Bisweilen gibt es auch Spannungen zwischen Rolle und Person in mir selbst: mir als Person widerspricht, wie ich mich in meiner Rolle zu verhalten habe. Beides bedeutet, dass wir als Coach meist im Spannungsfeld von Person und Rolle, häufig auch eingebunden in Veränderungs­prozessen, arbeiten.

Ein weiteres Themenfeld für das Coaching sind Beziehungen. Diese sind im beruflichen Kontext stets eingebunden in Systemen / Organisationen. Hier ist es hilfreich zu unterschieden, ob es sich um Personen-oder Rollenbeziehungen handelt. So kann allein die Erkenntnis, dass ein Konflikt nichts Persönliches hat, sehr entlastend für die betroffene Person sein. Und Beziehungen innerhalb einer Organisation sind immer auch eingebunden in bestimmtes Gefüge von Rang und Abhängigkeiten. Wenn ich dies als Coach vernachlässige, werde ich meinem Auftrag kaum gerecht.

Insofern stellt das Konzept von Rolle und Person, von Rollenbeziehungen und Personenbeziehungen, von Rang, Status und Privilegien eine Matrix dar, in der ich in meiner Arbeit als Coach eingebunden bin. Und hierin besteht auch ein Unterschied zum psychologischen Berater / Therapeut, der meist nur mit der Person arbeitet.


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