Rückblick DGSL-Kongress „Neurowissenschaft trifft Suggestopädie“

DGSL-Kongressvon Albert Glossner

Der diesjährige DGSL Kongress fand vom 6.-8. November 2015 unter dem Motto „Neurowissenschaft trifft Suggestopädie“ statt. Unter Leitung von Ralf Besser wurde am Samstag ein neues Konzept umgesetzt: die Verbindung eines Fach-Vortrags mit Reflexionsgruppen und einer Erarbeitungsphase. Sehr anregend!

 

Vortragende war Dr. Katrin Hille, Geschäftsführende Leiterin des Zentrums für Neurowissenschaften (ZNL) in Ulm. Frau Hille ist Diplom-Psychologin. Ihr Ziel ist, Erkenntnisse der Neurowissenschaften für Lehren und Lernen aufzubereiten und nutzbar zu machen. Im Zentrum ihres Vortrages standen 8 Kernaussagen, die sie jeweils mit Forschungsergebnissen und mit kleinen aktivierenden Übungen anschaulich verknüpft hat.

Die Kernaussagen des Vortrags von Frau Hille:

These 1: Lernen passiert auch durch Erfahrung

Menschen lernen nicht nur den Inhalt, der vermittelt werden soll, sondern auch – und oft mehr – durch Beobachtung, durch Erfahrung oder durch das Tun. Die Sätze „Erziehung ist sinnlos. Kinder machen doch alles nach“ oder „Wer seinen Kindern Liebe predigt, macht sie nicht zu Liebenden sondern zu Predigern“ machen dies deutlich.

Das menschliche Gehirn ist nur mäßig gut darin, Fakten zu lernen, ist aber ein hervorragender Regel-Extraktor. Meist geschieht das Regel-Regel-lernen automatisch (implizites Lernen), wird aber dadurch unterstützt, wenn die durch Erfahrung gelernten Regeln reflektiert und verbalisiert werden.

 These 2: Positive Emotionen aktivieren für das Lernen

Aus der Psychologie ist schon lange bekannt: Ist die Aktivierung zu niedrig (Langeweile) oder zu hoch (Stress), wird weniger gelernt als bei einer mittleren Aktivierung. Optimales Lernen findet statt, wenn Herausforderung und eigene Fähigkeiten sich im guten Gleichgewicht befinden (Flow-Kanal).

Was mit Angst und Furcht gelernt wird, wird auch beim Abruf des Gelernten mit Angst und Furcht verbunden. Was wiederum die Fähigkeit zur Problemlösung oder Kreativität einschränkt. Positive Emotionen machen uns interessierter, kreativer, weiten die Aufmerksamkeit und fördern das Lernen.

 These 3: Verarbeitungstiefe schafft Nachhaltigkeit

Je intensiver man sich mit Inhalten auseinandersetzt, desto besser kann man sich erinnern. Seit langem bekannt ist der Zusammenhang von Lernaktivität und Behaltensleistung: Wenn man selber über etwas spricht oder es ausprobiert, ist der Lerneffekt wesentlich höher, als wenn man nur zuhört oder zusieht.

Ein wichtiger Schritt ist dabei die Verknüpfung des Neuen mit bereits Gelerntem: Katrin Hille vergleicht Lernen mit einem Klettverschluss: Neues muss sich mit etwas Bekanntem verbinden und folgert daraus: „Je mehr ich weiß, desto leichter kann ich etwas dazulernen.“

These 4: Exekutive Funktonen sind die Basis für gelingendes Lernen

Mit „exekutiven Funktionen“ ist die Fähigkeit gemeint, das eigene Verhalten und Denken bewusst zu steuern, die eigenen Emotionen im Griff zu haben. Beispiele dafür sind Disziplin zeigen, Impulsen wiederstehen, abschweifende Gedanken abschütteln, Aufmerksamkeit halten. Alles Voraussetzung für erfolgreiches Lernen

Diese exekutiven Funktionen einzusetzen, ist anstrengend und kostet Kraft. Sie können aber auch entlastet werden, z.B. dadurch, dass störende Außenreize minimiert werden oder durch Visualisierungen, die helfen, sich nicht ablenken zu lassen. Wichtig ist, die exekutiven Funktionen Lernender im Lernprozess nicht zu überfordern.

These 5: Aufmerksamkeit ist wichtig aber begrenzt

Die Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit ist eine der exekutiven Funktionen (siehe These 4), verdient aber besondere Beachtung. Hier schlägt Katrin Hille 5 Strategien vor:

  • Aufmerksamkeit von außen zurückholen: Als Lehrender habe ich die Lernenden im Blick und agiere sofort, wenn mir Aufmerksamkeit entgleitet. Der Nachteil: ist ziemlich anstrengend für Lehrende.
  • Störende Reize vermindern: Die „Handy-aus“-Regel im Training entspricht genau dieser Strategie.
  • Wirkende Reize einspannen: z.B. mit Gruppenarbeit, Partnerarbeit und aktiven Methoden Lernende ins Tun bringen, sie dadurch einbinden
  • Aufmerksamkeit entspannen: Mit Pausen, Entspannungsphasen oder Energyzern/ Aktivierungsübungen kann man als Trainer dafür sorgen, dass sich der „Aufmerksamkeitstank“ wieder füllt.
  • Aufmerksamkeit trainieren: Hier erweisen sich beispielsweise Achtsamkeitstrainings als wirksame Methode.

These 6: Erfolgserlebnisse motivieren und werfen den Lernturbo an

Klar: nichts motoviert so stark wie der Erfolg. Motivation entsteht aber auch, wenn die drei Grundbedürfnisse im Lernprozess berücksichtigt werden. Diese sind: das Bedürfnis nach Autonomie (selbst entscheiden), das Bedürfnis nach Kompetenz (sich als wirksam erleben) und das Bedürfnis nach Bindung (sich eingebunden fühlen).

These 7: Bewegung fördert Lernen

Nach intensiver Bewegung kann man sich besser konzentrieren und lernt besser. Neurowissenschaftler belegen, dass durch Bewegung neue Nervenzellen gebildet werden. Interessant ist, dass am meisten Nervenzellen gebildet werden, wenn Bewegung und geistiges Training miteinander kombiniert werden.

These 8: Gelerntes muss sich setzen dürfen

Katrin Hille führt hier den Begriff der „Konsolidierung“ ein: Was das Verdauen nach dem Essen ist, ist das Konsolidieren nach dem Lernen. Gemeint ist also die Verfestigung von Gedächtnisspuren ohne bewusstes Üben.

Die präsentierten Forschungsergebnisse belegen, dass Schlaf nach einer Lernsitzung zu den besten Lernleistungen führt. Wache Ruhe bringt genau so viel, als wenn gleich weiter gelernt wird. Sich mit anderen Dingen zu beschäftigen erzeugt allerdings die niedrigsten Lernleistungen.

Ein Plädoyer für Seminartage mit Mittagsschlaf oder mehrtägige Seminare mit nächtlichen Konsolidierungsphasen!

Reflexion in Gruppen

Der Vortrag von Katrin Hille wurde nach der Vorstellung jeder These durch eine kurze Reflexionsphase – moderiert von Ralf Besser – untersetzt. In wechselnd zusammengesetzten Gruppen besprachen wir die jeweilige These unter einer der folgenden vier Fragestellungen:

  1. Welche Kernfragen sollten wir uns Suggestopäden auf Grund des Impulses stellen?
  2. Welche wichtige Erkenntnis sollten wir in die Suggestopädie integrieren?
  3. Wo sind wir als Suggestopäden bezogen auf den Impuls schon gut unterwegs?
  4. Wo sollten wir Suggestopäden uns auf Grund des Impulses selbstkritisch hinterfragen?

Anwendung am Nachmittag

Am Nachmittag waren alle Teilnehmer eingeladen, sich einer der acht Thesen zuzuordnen und die Umsetzung der jeweiligen These durch konkretes methodisches Handeln zu erarbeiten.

Mein persönliches Fazit

Den lebendigen Vortrag habe ich sehr genossen. Die Reflexionsphasen waren gut geeignet, neue Informationen mit meinem eigenen Hintergrund als Suggestopäde und Trainer zu verknüpfen und darüber in Austausch zu treten. Und ich hatte eine Menge Spaß, am Nachmittag in einer kleinen Gruppe Neues zu entwickeln. So liebe ich Lernen!

Ich persönlich nehme aus diesem Tag folgende Fragen mit, die ich für mich noch weiter bewegen werde:

  • Wie kann ich Erfahrungslernen noch mehr in meine Trainings integrieren?
  • Welche Wege sind machbar, aktive Bewegungs- und Konsolidierungsphase in dem Umfeld zu integrieren, in dem ich trainiere?
  • Wie kann ich in meinen Trainings noch stärker den Grundbedürfnissen Lernender (nach Autonomie, nach Kompetenz, nach Bindung) gerecht werden?

Abschließend mein Dank an alle Personen in der DGSL, die diesen Kongress ermöglicht haben!


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6 Kommentare zu “Rückblick DGSL-Kongress „Neurowissenschaft trifft Suggestopädie“”

  1. Carsten Deters

    Hallo Albert,
    Das scheint ein höchst interessanter Workshop gewesen zu sein.
    Das ist doch möglicherweise genau ein Thema für eine Weiterbildung als Trainer.

    Wird es neben dieser Zusammenfassung noch an anderer Stelle etwas an Informationen dazu geben?

    Einen lieben Gruß aus dem schönen Schleswig Holstein
    Carsten

    Antworten
    • Albert Glossner

      Hallo Carsten,
      Ja, dieser Tag war in der Tat sehr informativ und anregend. Und man könnte sehr gut eine Weiterbildung für Trainer daraus entwickeln. Ausgehend von diesen Thesen erarbeiten, wie es sich konkret in der Trainerpraxis umsetzen lässt. Gute Idee.
      Bislang habe ich noch keine weitere Infos zu den 8 Thesen gefunden. Ich halte aber die Augen offen…
      Schöne Grüße zurück
      Albert

      Antworten
  2. Marion Kellner-Lewandowsky

    Hallo Albert,

    eine tolle Zusammenfassung zu unserem schönen Kongress.
    @Carsten: Es wird weitere Informationen in einem Rundbrief an alle Mitglieder der DGSL geben und auch eine Kurzfassung im Newsletter des Vereins. Darüber hinaus fasst die neu gegründete Weiterentwicklungsgruppe die Ergebnisse aus dem Tagesworkshop zusammen und wird sie 1. veröffentlichen, 2. für die neue Methodenbox der DGSl aufbereiten und 3. weiter entwickeln.

    Es geht voran! ;o)

    Herzliche Grüße

    Marion

    Antworten
  3. Petra Zillmer

    Lieber Albert,
    ich hatte zwar schon einen mündlichen Kongressbericht von Marion und Silvia, habe aber deine Zusammenfassung quasi eingesaugt. Du gibst den Lerntag sehr anschaulich wider und lässt mich umso mehr bedauern, dass ich nicht dabei sein konnte. Danke.

    Antworten
  4. Christian Maier

    Hallo Albert und andere INteressierte,

    da ich an diesem Kongress nicht teilnehmen konnte, freue ich mich umso mehr diesen Bericht zu lesen. Endlich hat die Wissenschaft festgestellt, dass Lernen und Lehren anders als wie bisher erlebbar gemacht werden muss. Und ganz besonders freue ich mich, dass meine seit vielen Jahren praktizierte Erfahrung als Trainer und als Ausbilder für Trainer wissenschaftlich befeuert wird und sich damit meine Erfahrung und die meiner Teilnehmer bestätigt: das, was ich schon lange aus persönlicher Erfahrung erkannt habe und auch mache, ist jetzt wissenschaftlich belegt.
    Daher möchte ich euch mitteilen, dass es bei mir die Möglichkeit gibt, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse ganz praktisch zu erleben und zu lernen, da ich Trainer unter Berücksichtigung dieser Aspekte schon seit Jahren ausbilde. http://www.innergame.de/seminare/seminarkalender/
    Beim nächsten Kongress bin ich wieder dabei – freue mich schon drauf.

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  5. Kerstin Wilde

    Vielen Dank, lieber Albert, eine schöne, knackige Zusammenfassung.
    Herzlichst Kerstin

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